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Das Three Gorges Project am Yangtze - vier Jahre später


Prof. Dr.-Ing. Peter Rißler

Juni 2004

Veranlassung


Vor vier Jahren hatte der Autor Gelegenheit, das Three Gorges Project (TGP) am Yangtze zu sehen. Damals war der Bau noch in einer Phase, in welcher zwar der Fachmann sich vorstellen konnte, wie es einmal werden wird, doch war noch keine Komponente auch nur halbwegs fertig.
Der Autor hatte seine Eindrücke und Bewertungen damals, 2000, in einem kurzen Papier zusammengefasst und sich darin auch mit den wesentlichen, von Gegnern stets gegen das Projekt vorgetragenen Argumenten auseinandergesetzt ("Das Three Gorges Project am Yangtze - Vorbehalte und Wirklichkeit").
Es ist zu empfehlen, vor dem hier vorgelegten neuen Bericht zunächst den von 2000 zu lesen, da zur Vermeidung überflüssiger Wiederholungen nun verschiedentlich auf den früheren Bericht Bezug genommen wird.
Im Mai 2004 ergab sich erneut die Chance, das Projekt zu besichtigen und während einer Schifffahrt auf dem Yangtze, von Yichang nach Chongqing, die Auswirkungen auf den Fluss und auf das Umfeld zu studieren. In der Folge werden die damaligen Eindrücke fortgeschrieben und die damaligen Bewertungen einer kritischen Überprüfung unterzogen.
Es ist wert, angemerkt zu werden, dass beide Besichtigungen im Rahmen von Fachexkursionen einer internationalen Expertengruppe von ICOLD, dem Welttalsperrenverband, stattgefunden haben, also wesentlich bessere Einblicke zu erlangen waren, als dies für eine "normale" touristische Besuchergruppe möglich ist.

Problemkreise, zu deren Bewältigung das TGP einen wirksamen Beitrag leisten wird


Hochwassergefährdung


Im Bericht von 2000 ist bereits dargelegt worden, dass der Teil des Yangtze- Umfeldes, welcher östlich von Yichang liegt, bisher permanent von Hochwässern heimgesucht worden ist. Bei Yichang liegt der Wasserspiegeldes Flusses nur ca. 60 müNN; die noch zu durchfließende Strecke beträgt 1800 km. Dies verdeutlicht, wie flach das Gefälle ist. Links und rechts des Flusses erstrecken sich hundert und mehr Kilometer breite Niederungen, welche zwar mit die fruchtbarsten Böden Chinas aufweisen und ebenso hervorragendes Klima für landwirtschaftliche Nutzungen, jedoch ständig von der Hochwassergefahr bedroht sind.
1998 ist es hier zum letzten Mal zu einer großen Katastrophe gekommen. 3800 Menschen mussten ihr Leben lassen, weil es damals (und auch heutzutage) keine realistische Möglichkeit gab bzw. gibt, Millionen von Menschen innerhalb von Tagen zu evakuieren.
1998 waren nicht nur mehrere tausend Menschenleben zu beklagen. Nach den Zahlen des Internationalen Roten Kreuzes mussten 14 Millionen Einwohner evakuiert werden bzw. wurden obdachlos. 5,6 Millionen Häuser wurden zerstört. 48.000 km2 Felder wurden überflutet und fielen mindestens für ein Jahr aus. Dies entspricht einer Fläche von der Größe Niedersachsens. Nach einer Schätzung der South China Morning Post entstand ein Gesamtschaden von mehr als 25 Mrd. Euro. Wenn diese Zahl in etwa zutrifft, so ist dies mehr als die gesamten Baukosten des Three Gorges Project, einschließlich aller erforderlichen Umsiedlungen.
Der chinesische Vizeminister für "Water Resources", Prof. Lisheng SUO, hat in einem Vortrag anlässlich der Wasserkrafttagung HYDROPOWER2004 am 25. Mai 2004in Yichang ausgeführt, dass China allein durch Flutereignisse jedes Jahr 1% seines Bruttosozialprodukts einbüßt. Ein Großteil davon geht auf Hochwässer am Yangtze zurück.

Energieknappheit


Über das Problem der allgemeinen Energieknappheit, welche in China die wirtschaftliche Entwicklung ernsthaft behindert, ist bereits im Jahr 2000 berichtet worden. Daran hat sich bislang nichts wesentliches verändert. Allerdings arbeitet China mit Hochdruck daran, die Energiesituation zu verbessern und zwar bevorzugt durch die Nutzung des Wasserkraftpotentials.
Einen wesentlichen Beitrag hierzu wird das Three Gorges Project leisten mit 84 TWh/a bzw. 8 % der nationalen Produktion. Gegenüber fossilen Kraftwerken gleicher Leistung entspricht dies einer Einsparung von 50 Mio. t Kohle (das Doppelte der deutschen jährlichen Kohleförderung) bzw. 180 Mio. t CO2 (21,5 %1der gesamten energiebedingten CO2- Emissionen in Deutschland in 2003). Da die Vermeidung von CO2 weltweit dem Klima zugute kommt, tut China mit dem Ausbau der Wasserkraft Beachtliches für den Klimaschutz, auch für uns in Deutschland.

Mangelhafte Verkehrsanbindung der Provinz Sichuan


Die Provinz Sichuan, welche u.a. den fruchtbaren Kessel von Sichuan umfasst, gehört zu den dicht besiedelten Bereichen Chinas. Sein wirtschaftliches Zentrum - nicht seine Hauptstadt - ist Chongqing, eine Dreizehnmillionenstadt, welche in früheren Kriegswirren eine Rolle gespielt hat und später von Deng Xiaoping als Bürgermeister geleitet wurde. Sie ist wegen ihrer Bedeutung eine der vier provinzunabhängigen Städte Chinas (Die anderen sind Peking, Shanghai und Tianjin).
Für Massengüter ist Chongqing auch heute noch im wesentlichen nur auf dem Wasserwege zu erreichen. Hier spielte der Yangtze immer eine dominierende Rolle, obwohl der Schiffsverkehr in der Nicht-Monsun-Zeit durch Riffe und Engstellen nicht unproblematisch war. Auf alle Fälle war die Kapazität bis zum Teileinstau des Speichers in 2003 auf 1.000 t-Schiffe beschränkt, auf Schiffe, die kleiner waren als unsere deutschen Rheinschiffe.

Desolate Infrastruktur im städtebaulichen Bereich


Das Drei Schluchten Projekt wird im Westen dafür kritisiert, dass dabei 1,1 Mio. Menschen umgesiedelt werden müssen, eine für Deutschland unvorstellbare Zahl. Diese erscheint jedoch in einem anderen Licht, wenn man die bisherigen Verhältnisse in Betracht zieht.
Nach dem Ende der Kaiserzeit, 1911, wurde das Land fast durchgehend von Bürgerkriegen erschüttert (Chiang Kaishekgegen die Kommunisten). In den dreißiger Jahren marschierten die Japaner ein und benahmen sich nicht anders als jede andere Eroberungsarmee. Die Folge war ständiger Krieg zwischen den Japanern und der Roten Armee unter Mao Zhedong bzw. zwischen den Japanern und den Alliierten. Zu jener Zeit tobte der Krieg besonders entlang des Yangtze. Chongqing war zeitweilig Hauptquartier von Chiang Kaishek2 und später der alliierten Truppen.
Nachdem die Japaner vertrieben waren, begannen die Kommunisten ein gesellschaftspolitisches Experiment nach dem anderen, allesamt mit katastrophalen Folgen für die Bevölkerung. Jedes neue Experiment kostete Mio. Menschen das Leben, sei es durch Terror, sei es durch Hunger. Der letzte Exzess dieser Art war die Kulturrevolution in den siebziger Jahren. 3
Ein Land, welches über mehrere Generationen von Kriegen oder von sonstiger Not heimgesucht ist, kann seine Einrichtungen nicht erhalten. Nimmt es Wunder, dass die gesamte Infrastruktur Chinas, soweit sie nicht staatlicher Repräsentation oder militärischen Zwecken diente, nach und nach zerfiel und weder gepflegt noch erneuert wurde. Dies trifft in aller Schärfe für die Wohnbebauung zu. Wo in den letzten 20 Jahres nicht inzwischen Neues geschaffen wurde, sind die Wohnbedingungen auch heute noch für europäische Vorstellungen total unannehmbar.
Vor 20 Jahren, mit der Einleitung der wirtschaftlichen und auch allmählich der gesellschaftlichen Freiheit und mit einer wachsenden Prosperität, begann auch eine städtebauliche Erneuerung, zuerst in den Großstädten, nun auch zunehmend auf dem Lande. Natürlich ist China auch heute noch gesellschaftlich anders strukturiert als Deutschland. Deshalb verlaufen solche Erneuerungsprozesse dort auch anders. Das Endziel ist jedoch eine Modernisierung und dabei eine Verbesserung der Lebensbedingungen.
Unter diesen Blickwinkeln ist die Umsiedlungsmaßnahme nicht nur eine Unbequemlichkeit für die Bevölkerung, sondern gleichzeitig eine gewaltige städtebauliche Erneuerungsmaßnahme, von der die Bevölkerung am Ende Nutzen haben wird.

Entwicklung des Projekts, Genehmigung und Finanzierung


Erste Überlegungen, den Yangtze zum Zwecke des Hochwasserschutzes und zur Energiegewinnung aufzustauen, wurden bereits 1919 von Sun Yatsen, dem ersten Präsidenten nach der Kaiserzeit, in einem Generalplan veröffentlicht.
In den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts folgte eine Durchführbarkeitsstudie der Regierung, teilweise unter Einschaltung amerikanischer Experten.
Nach der Überschwemmungskatastrophe 1954 mit 30.000 Toten wurde auf Anweisung Maos ernsthaft mit den Planungen begonnen.
Nach der Überschwemmungskatastrophe 1991 legte die Regierung im Frühjahr 1992 dem Nationalen Volkskongress einen Genehmigungsantrag vor. Die Führung hatte zuvor auf die Delegierten eingewirkt, jedoch wurde kein Gehorsam eingefordert. Das Ergebnis spiegelt dies wider: 2633 Delegierte, 177 Neinstimmen, 664 Enthaltungen.
Zur Planung und Durchführung wurde 1993 die "China National Yangtze River Three Gorges Project Development Corporation" gegründet. Ihr erster Präsident (bis 2003) war Lu Youmei, früher Vizeminister für Energie.
Zur Planung und Abwicklung der Umsiedlungsaktivitäten wurde das "Three Gorges Project Population Resettlement and Development Bureau" gegründet. Sein Leiter, Li Boning, warehedem stellvertretender Minister im "Ministry of Water Resources and Electric Power".
Die Beaufsichtigung der Gesamtmaßnahme obliegt einem "State Council Three Gorges Project Construction Committee", dem die Chefs der relevanten Ministerien und die Gouverneure der betroffenen Provinzen Sichuan und Hubei angehören. Den Vorsitz führte Ministerpräsident Li Peng (bis 2002 und nun Wu Bangao).
In China war die Meinung von Anfang an zweigeteilt. Die Zentralregierung war für das Projekt (Hochwasserschutz, Energiegewinnung, Anbindung von Sichuan), ebenso (und begreiflicherweise) das zuständige Planungsbüro und die Provinzen Hubei und Hunan (Hochwasserschutz für ihre Bevölkerung). Dagegen waren die Provinz Sichuan (wegen der notwenigen Umsiedlungen und trotz der besseren Verkehrsanbindung) und sämtliche anderen Provinzen, welche fürchteten, dass sämtliche Investitionsmittel über lange Zeit ausschließlich in dieses Projekt fließen würden.
Gespalten war das Ministerium für Wasserwirtschaft und Elektrizität. Die Wasserwirtschaft war für das Projekt (Hochwasserschutz), die Seite der Elektrizität war dagegen. Dort hätte man lieber mehrere kleinere und dezentrale Kraftwerke gehabt.
China hatte sich zu Beginn bemüht, internationale Finanzierungsquellen, insbesondere von der Weltbank, zu erschließen. Dies scheiterte teilweise, weil das Projekt wegen der vielen Umsiedlungen in Misskredit geraten war und interessierte Kreise nichts unversucht gelassen haben, die Ablehnung weiter zu schüren. China hat sich deshalb entschlossen, das Projekt aus eigener Kraft zu verwirklichen. Zu Hilfe kam dabei, dass das 40 km unterhalb gelegene Wasserkraftwerk Gezhouba, die erste Staustufe an Yangtze, seit 30 Jahren Strom produziert (2,7 GW, 15,4 TWh/a) und mit dem Erlös zur Finanzierung von TGP beiträgt. Günstig ist auch, dass beim Three Gorges Project bereits etwa ab der Mitte der Bauzeit in zunehmendem Umfang Turbinen laufen und ebenfalls zur Finanzierung beitragen.

Was ist bisher erreicht worden?


Wehr, Kraftwerke, Schleusen und Schiffshebewerk


Im Herbst 2000 waren die linken 2/3 der Flussbreite durch Fangedämme (sog. Cofferdams) vorübergehend trocken gelegt. In der 50 m tiefen Baugrube wuchsen in Flussmitte der Wehrteil (eine 185 m hohe Gewichtsstaumauer mit 25 Öffnungen zur Hochwasserentlastung und 50 Öffnungen zur Durchleitung von Flusswasser und Sediment) und am linken Ufer eines der beiden Kraftwerke. Alles befand sich in der Rohbauphase. Die endgültige Bauwerkshöhe war noch nirgends erreicht.
Im rechten Teil des Flussbetts wurde der Yangtze durchgeleitet. Hier fand auch die Schifffahrt statt.
Ganz außen, an der in Fließrichtung linken Seite wuchsen die Betonbauten der beiden Schleusentreppen (zweimal fünf Schleusen hintereinander, jede 280 m lang, 34 m breit und im Minimum 5 m tief, mit einer gesamten Hubhöhe von 113 m, für 10.000 t Schiffe).
Zwischen Schleusen und Kraftwerk war eine Gasse zu erkennen, in der später ein Schiffshebewerk entstehen sollte.
Inzwischen ist die Maßnahme weit fortgeschritten. Der Mittelteil der Staumauer ist vollendet, das Kraftwerk auf der linken Flussseite ist teilweise in Betrieb, die Schleusentreppe ist ebenfalls in Betrieb. Der Yangtze ist oberhalb der Staumauer bis zur Höhe 135 müNN aufgestaut. Der Stauspiegel liegt dabei nur wenige Meter unter der Marke, welche die Stauhöhe bei entleertem Hochwasserschutzraum kennzeichnet.
Für das Schiffshebewerk (3.000 t-Schiffe, im wesentlichen Passagierschiffe, 113 m Hubhöhe) ist der oberwasserseitige Einlaufteil betoniert, ein Bauwerk von nahezu 180 m Höhe. Der bewegliche Trog und die Maschinerie wird derzeit von einem deutschen Joint Venture (Bundesanstalt für Wasserbau, Lahmeyer International, Krebs & Kiefer und Rapsch & Schubert) geplant. Eine technische Besonderheit ist dabei, dass der Trog, in welchem das zu hebende Schiff schwimmt, für Wasserspiegelschwankungen, oberwasserseitig 30 m und unterwasserseitig 11 m, ausgelegt sein muss.
Am Kraftwerk auf der rechten Flussseite (12 Maschiensätze) wird - im Schutz eines vorübergehenden und nur für die Bauzeit errichteten RCC-Dammes (RCC... Roller Compacted Concrete.. eine Bauweise, bei der Beton mit niedrigem Zementgehalt mit Erdbaugerät ["Roller"] eingebaut wird) der bauliche Teil erstellt. Bereits 2000 war bekannt, dass man sich entschlossen hatte, sechs weitere Maschinensätze zu installieren und zwar in einer Kaverne, welche rechts neben der Staumauer im Fels, also südlich des Flusses, aufgefahren wird. Auch hierzu laufen bereits die Arbeiten. Die Gesamtleistung des Kraftwerks wird dann 18,2 GW + 6* 0,7 GW = 22,4 GW betragen. Dies entspricht in etwa der Ausbauleistung aller deutschen Kernkraftwerke zusammen.
Die Baumaßnahme ist 1993 nach 40-jähriger Vorarbeit begonnen worden. Die China National Yangtze River Three Gorges Project Development Corporation, der Bauherr, hatte im Bauzeitenplan 1993 festgelegt, dass der Teileinstau auf Höhe 135 müNN im Herbst 2003 stattfinden sollte und dass zu diesem Zeitpunkt auch die ersten Maschinen in Betrieb gehen sollten. Tatsächlich begann der Einstau am 10. Juni 2003; am 16. Juli 2003 wurde der Schiffsverkehr durch die Schleusen aufgenommen und gegenwärtig (Mai 2004) laufen 8 von 14 Maschinen. Bis Jahresende 2004 sollen sie alle in Betrieb sein. Übrigens stammen die Maschinen zum Teil von Siemens/Voith.
Noch eine kurze Bemerkung zu den westlichen Pressemeldungen (so etwa vor einem Jahr) über "gefährliche Risse" im Absperrbauwerk: Die Staumauer ist um 180 m hoch und im unteren Teil um 50 m breit. Es handelt sich also um ein sehr massiges Bauwerk. Beton erzeugt beim Abbinden - trotz aller Vermeidungsstrategien, welche die Betontechnologie bereit stellt - Wärme. Dadurch dehnte er sich aus. Wenn die Wärme abfließt und sich der Beton abkühlt, schrumpft er wieder. Wird die Schrumpfung behindert, z.B. in Längsrichtung der Mauer, so entstehen Zugspannungen. Wird dabei die Zugfestigkeit überschritten, so entstehen Risse. Dies ist bei dickwandigen Baukörpern, z.B. bei Staumauern, kein ungewöhnlicher Vorgang. Derartige Risse werden verpresst und sind damit geheilt. Nach ernstzunehmenden Berichten aus der internationalen Fachliteratur klafften die Risse teilweise bis 1 mm und erstreckten sich max. 3 bis 4 m in das Bauwerk hinein. Für ein Bauwerk von 50 m Dicke also keine ernstzunehmende Bedrohung.

Hochwasserschutz


Der von der Maßnahme am Ende erzeugte Hochwasserschutzraum ( 22 Mrd. m3 von insgesamt 39 Mrd. m3) wird erst 2008 zur Verfügung stehen, wenn der Yangtze bis auf Höhe 175 müNN angestaut werden kann. Erst dann kann der gesamte Raum zwischen 145 müNN und 175 müNN als Hochwasserschutzraum eingesetzt werden. Gegenwärtig ist die Möglichkeit zum Hochwasserschutz dadurch limitiert, dass der RCC-Damm (s.o.) nur bis auf Höhe 145 müNN reicht. Bei größerem Hochwasser würde er überspült. Die Flut würde nach Unterwasser durchgeleitet.
Nach 2008 jedoch wird der Speicher in der Lage sein, bei einem Hochwasser 22 Mrd. m3 zurückzuhalten und die Hochwassersicherheit soweit zu erhöhen, dass es statistisch nur noch alle 100 Jahre (gegenüber alle 10 Jahre derzeit) im Tiefland zu einer Überflutung der Deiche kommen wird.

Schifffahrt


Die Schifffahrt wird im Endzustand in der Lage sein, Chongqing mit 10.000 t-Schiffen zu erreichen. Die beiden Schleusentreppen sind bereits derzeit fertig und in Betrieb. Was gegenwärtig fehlt, ist genügend Wasser unter dem Kiel der ganz großen Schiffe beim Ausfahren aus der obersten Schleuse. Beim derzeitigen Einstau auf 135 müNN darf deren Tiefgang 5 m nicht überschreiten. Später, auch bei völlig entleertem Hochwasserschutzraum, dürfen die Schiffe 15 m Tiefgang haben.
Jedoch bereits im Mai 2004 war zu erkennen, dass der Schiffsverkehr auf dem Yangtze gegenüber 2000 beachtlich zugenommen hat. Denn zumindest soweit, wie der Fluss nun eingestaut ist (etwa bis Fengdu) sind Riffe und sonstige Schifffahrtshindernisse verschwunden.

Umsiedlungen


Wenngleich sich in westlichen Ländern inzwischen auch bei Pessimisten die Einsicht durchsetzt, dass China in der Lage ist, ein Wasserbauprojekt von der Größe des Three Gorges Project technisch, organisatorische und wirtschaftlich mindestens so gut zu bewältigen, wie man das bei uns erwarten würde, so bleibt stets der Vorbehalt wegen der vielen Umsiedlungen.
Vorstehend ist bereits dargelegt worden, dass China mit diesem wasser- und energiewirtschaftlichen ein ungemein anspruchsvolles städtebauliches Projekt verbindet. Dies mindert zwar nicht die Belastungen für den Einzelnen, doch dient es auch seiner Aussicht auf bessere Lebensumstände.
Vor vier Jahren befand sich der Neubau von Siedlungen bzw. von Städten entlang des Flusses noch ziemlich am Anfang. Heutzutage gehört es zu den beeindruckendsten Erfahrungen einer Fahrt auf dem Yangtze von Yichang nach Chongqing, dass entlang des Flusses allenthalben neue Städte und Ortschaften entstanden sind. Vom Fluss aus gesehen, machen sie städtebaulich einen durchaus akzeptablen Eindruck. Zwar konnte nicht überprüft werden, ob die Wohnungen verwöhnten westeuropäischen Vorstellungen entsprechen. Sie stellen jedoch gegenüber den früheren Wohnquartieren mit Sicherheit eine gewaltige Verbesserung dar.
Außerdem ist inzwischen eine beachtliche Verkehrsinfrastruktur entstanden oder ausgebaut worden. Etwa 10 neue Brücken überspannen nun den Yangtze (bzw. den Speicher). An beiden Ufern sind neue oder leistungsfähig ausgebaute frühere Straßen zu sehen.
Des weiteren - und dies ist ebenfalls eine positive Erfahrung - sind an beiden Seiten in höheren Lagen in großem Umfang neue Felder zu erkennen, sauber angelegt und in Bewirtschaftung. Dabei sind zwei Bereiche zu unterscheiden: Im östlichen Teil, also im Bereich der drei Schluchten, bis nach Fengjie, gab es bisher fast keine landwirtschaftliche Nutzung und wird es wird sie auch in Zukunft kaum geben. Dazu sind die Hänge zu steil (45 Grad bis vertikal).
Westlich von Fengji jedoch sind die Hänge flacher, kaum einmal mehr als 20 Grad, und hier ziehen sich die Felder, alte wie neue, schräg einige hundert Meter den Hang hoch. Dies ist auch nicht nachteilig, weil sich das Ganze in Höhen unter 250 müNN abspielt, in einer feucht warmen Klimazone. Hier werden überwiegend Gemüse, Tee und Orangen angebaut.

Landschaftliche, ökologische und denkmalschützerische Aspekte


Landschaftliche Aspekte


Von Kritikern wurde als ein wesentliches Argument gegen das Projekt immer wieder ins Feld geführt, dass nach dem Einstau der Zauber der Schluchten verloren gehen würde. Nunmehr ist der Stausee zu 2/3 der Stauhöhe eingestaut. Die Auswirkungen können daher beurteilt werden.
Nach Ansicht des Autors hat sich seine frühere Einschätzung bestätigt. Die Berge in der Umgebung sind durchwegs über 1000 m hoch. Der Einstau beträgt am Kraftwerk gegenwärtig ca. 75 m (am Ende 113 m) und am westlichen (dem oberen) Ende der Schluchten ca. 35 m ( am Ende ca. 70 m). Bezogen auf die landschaftsprägenden Bergmassive ist dies kaum wesentlich. Der Zauber der Schluchten bleibt erhalten.
Es werden lediglich die Niedrigwassersituationen entfallen, in denen bisher Felsbarren und seitlich gelagerte Kiesbänke zum Landschaftsbild beitrugen. Diese Situation war jedoch auch bisher nur an wenigen Wochen des Jahres gegeben.

Ökologische Aspekte


Zu ökologischen Aspekten kann man naturgemäß nach einer oder nach zwei Reisen nicht so sehr viel sagen. Es fiel jedoch allenthalben auf, dass die Flussufer im Bereich der Städte sauberer geworden sind.
Negativ ist anzumerken, dass sowohl die Bewohner am Fluss als auch die Schiffsbesatzungen nicht zimperlich sind, wenn es darum geht, ihre Abfälle dem Fluss anzuvertrauen.
Aus den Äußerungen maßgebender chinesischer Persönlichkeiten anlässlich der Tagung HYDROPOWER2004 war zu entnehmen, dass in den nächsten Jahren umgerechnet 500 Mio. € für Verbesserung der Abwasserbehandlung ausgegeben werden sollen. Dies ist angesichts der riesigen Ausdehnung des Speichers nicht eben viel. Es entspricht in etwa dem Investitionsvolumen des Ruhrverbands in den letzen fünf Jahren. Hier sind sicherlich noch größere Anstrengungen vonnöten.

Denkmalschützerische Aspekte


Chinesische Schriften weisen immer wieder darauf hin, dass man große Anstrengungen unternommen hat und - für höhere Lagen - auch noch unternimmt, um Kulturgüter zu retten. Angesichts der Tatsache, dass die städtebaulichen Erneuerungen mit großem Elan und offensichtlich auch mit Qualitätsbewusstsein vonstatten gegangen sind, ist anzunehmen, dass auch für die vergleichsweise bescheidenen Kosten der Errettung von Kulturgütern Quellen vorhanden sind. Dies ist auch deshalb anzunehmen, weil auch heutige Chinesen sichtlich an ihrer überaus alten Kultur hängen und darauf stolz sind.

Gesamtbeurteilung


Die zweite Reise erbrachte, ebenso wie die erste, Überraschungen. Der Autor war durch die Fachpresse bereits vor der Abreise hinreichend über den Fortgang des technischen Projekts informiert. Insofern gab es hier keine Überraschungen. Respekt nötigte allerdings ab zu sehen, wie präzise die chinesischen Fachkollegen ihre Termine und offensichtlich auch ihre Kosten einhalten und dass die Bauwerke durchaus von hoher baulicher Qualität sind.
Der Respekt wird auch aus dem Bewusstsein gespeist, dass beim TGP ein Werk mit Prototypcharakter mit 20.000 bis 30.000 Beschäftigen und mit Hunderten von Zulieferern in einem Zeitraum von mehr als 10 Jahren tagesgenau sein Zwischenziel erreicht hat.
Überraschend war jedoch zu sehen, wie in den letzten vier Jahren entlang des ganzen Flussbereichs zwischen Yichang und Chongqing an beiden Seiten neue Städte, Straßen und Brücken entstanden sind. Hier hat eine ganze Region ein neues und zukunftsweisendes Gepräge bekommen.

1 Deutsches Nationales Komitee des Weltenergierates DNK: Energie für Deutschland - Fakten, Perspektiven und Positionen im globalen Kontext, 2004
2 Schreibweise der chinesischen Namen nach Konrad Seitz: "China - eine Weltmacht kehrt zurück", ISBN 3-88680-646-4
3 Konrad Seitz,s.o.